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Heide Appelsmeyer
Die psychoanalytische Debatte um den beobachteten/rekonstruierten Säugling Herausforderungen für die Methodologie der qualitativen Forschung
Entwicklungspsychologische Konzepte der Psychoanalyse werden durch Erkenntnisse der neueren Säuglingsforschung in Frage gestellt: so z.B. das Konzept des primären Narzissmus oder auch der frühen autistischen Phase (z.T. auch die einer normalen symbiotischen Phase im ersten Lebenshalbjahr). Methodische Grundlage dieser Forschungen stellen dabei häufig standardisierte Beobachtungssituationen dar. Laut Stern (1992) ist das Besondere der neueren Säuglingsforschung darin zu sehen, dass die Beobachtungsdaten zusammengeführt werden mit Schlussfolgerungen über das Erleben der Säuglinge. Würde man sich lediglich beschränken auf die beobachtungs- und experimentalpsychologische Anhäufung objektiver Daten und auf "Inferenzsprünge" verzichten, also auf "sprunghaft abgeleitete Schlussfolgerungen", dann würde man sich Fragen nach dem besonderen Charakter frühkindlichen Erlebens nicht stellen. Auf der Basis raffinierter experimenteller Arrangements, unterstützt durch neue filmtechnische Möglichkeiten, entsteht nun die Vorstellung eines Säuglings, der traditionellen psychoanalytischen Sichtweisen widerspricht: Anstelle von einem passiven Wesen auszugehen, das völlig abhängig vom Objekt ist und überdies seinen Trieben ausgeliefert, taucht nun die Vorstellung eines anpassungsfähigen Wesens auf, das von Beginn an über Grundlagen einer getrennten Selbst- und Objektwahrnehmung verfügt und aktiv die Interaktionen mit seinen Bezugspersonen mitgestaltet. Affekte sind gemäß; der empirischen Forschungsergebnisse nicht im Laufe der individuellen Entwicklungsgeschichte später entstehende Abkömmlinge von primär vorhandenen Trieben, sondern stellen früh vorhandene, z.T. wohl auch angeborene, wesentliche Elemente der psychischen Organisation dar sowohl von Kleinkindern wie auch von Erwachsenen. Sie sind zunächst nicht sprachlich oder symbolisch repräsentiert (Emde 1991a, 1991b). Insofern zeigen die Ergebnisse der neueren Säuglingsforschung, dass es nonverbale Grundlagen der psychischen Organisation gibt.
Die Erkenntnis der Differenz zwischen präsymbolischen und symbolischen Erfahrungswelten hat methodologisch gesehen weitreichende Konsequenzen für die qualitative Forschung: Die qualitative Forschung, die ihren Fokus auf das Verstehen textueller Bedeutungszusammenhänge gelegt hat, verortet sich sowohl in methodologischer Hinsicht als auch in ihren methodischen (Auswertungs-)Verfahren vorwiegend im symbolischen Bereich. Hinsichtlich der Erkenntnis der Säuglingsforschung, dass psychische Funktionsweisen auch auf nonverbalen Repräsentationsformen beruhen, bedeutet dies nicht nur eine thematische Begrenzung ihrer Erkenntnisinteressen, sondern auch eine unangemessene methodologische und methodische Einschränkung der qualitativen Forschung. Die qualitative Forschung könnte hier profitieren von psychoanalytischen Konzepten, die psychoanalytisch-therapeutische Fragestellungen und die neuere Säuglingsforschung verbinden und auf die Parallele zwischen den integrativen Erfahrungen im analytischen Prozess und den frühen Verstehensprozessen zwischen Mutter und Kind verweisen (Emde 1991a, 1991b, Lichtenberg 1991, Loewald 1960, Mayes & Spence 1994, Osofsky 1993, Stern 1998, Stern u.a. 2003). Wenn man sich mit den subtilen Beschreibungen und Deutungen der Säuglingsforscher auseinandersetzt, wird deutlich, dass an die Stelle symbolischer Formate hier empathische Haltungen und Fähigkeiten des psychoanalytisch geschulten Beobachters treten, um das Erleben des Säuglings (und die Interaktionen mit seinen Bezugspersonen) zu erfassen. Das Studium der emotionalen Kommunikation wird erst durch die Empathie des Beobachters möglich. Bevor sich mit dem Erwerb der Sprache und der Entwicklung symbolischer Funktionen die kindliche Entwicklung über ein "narratives Verstehen" nachvollziehen lässt, sind andere Verstehensprozesse notwendig: das "empathische Verstehen" (Emde 1991; Stern 1998). Die Lücke zwischen dem "objektiv" beobachtbaren Verhalten und der subjektiven sozialen Erfahrung des Säuglings wird erst durch das empathische Verstehen geschlossen.
Aber nicht nur hinsichtlich der Kleinkindforschung zeigt sich die Notwendigkeit des empathischen Verstehens. Im Gegenteil spielen nicht-symbolische Erlebensformen für die gesamte Lebensspanne, auch für die Erfahrungsorganisation des Erwachsenen, eine große Rolle. Die "Fixierung auf Verbales" (Mey, 2003, S.713) in der qualitativen Forschung könnte überwunden werden durch den Einbezug von Wahrnehmungsformen, die der Symbolisierung vorausgehen und die selbstverständlich nur dadurch in die Forschung einbezogen werden können, dass ihnen eine symbolisierende Aktivität folgt, also eine Reflexion auf das Wahrgenommene. Die Psychoanalyse mit ihren zentralen Konzepten der Übertragung und Gegenübertragung stellt hier eine echte Herausforderung für die qualitative Forschung dar.
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