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Jens Brockmeier
Erzählungen verstehen
Der Beitrag verfolgt zwei Absichten. Einerseits erläutert er, warum Erzählungen und das Erzählen eine so zentrale Rolle in der menschlichen Entwicklung, im Leben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, spielen; dabei wird Entwicklung insbesondere als ein sprachlicher, sozialer, intellektueller, und kultureller Prozess verstanden. Zum zweiten stellt er dar, wie diese Aspekte der Entwicklung des Kindes in der Untersuchung von Erzählpraktiken studiert werden können, Entwicklung also aus einer narrativen Perspektive erfasst werden kann.
Dabei werden drei Funktionen des Erzählens hervorgehoben, die eng zusammenhängen, aber gleichwohl unterschieden werden können: Erzählungen strukturieren unsere Erfahrungen und Vorstellungen (Synthesefunktion), sie verleihen unserer Sicht der Welt und unseres Selbst eine bestimmte Perspektive (Perspektivitätsfunktion) und sie machen Haltungen oder diskursive Positionen deutlich, die wir in unseren sozialen Interaktionen einnehmen, und von denen aus wir anderen Personen Haltungen und Positionen zuschreiben (Positionierungsfunktion). Indem Kinder sprechen und ineins damit erzählen lernen, erwerben sie die diesen zentralen Funktionen des Bewusstseins und des sozialen Lebens entsprechenden Fähigkeiten.
In der Erläuterung dieser drei Dimensionen der Erzählung und der narrativen Entwicklung sollen verschiedene Erzählgenres beziehungsweise Diskursformen wie Erlebnisberichte, autobiographische Erinnerungsdiskurse, gemeinsame Erzählungen (Ko-Narrationen), Erzählspiele bzw. narrative Symbolspiele, Monologe und Streitgespräche vorgestellt werden. Deutlich werden soll dabei nicht zuletzt die Vielfalt der Erzähldiskurse, in die Kinder hineinwachsen, sowie der narrativen Praktiken, die sie als handlungsfähige Mitglieder einer Kultur zu beherrschen lernen.
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