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Qualitative Forschung in der Entwicklungspsychologie

Abstract

 

Ingrid Josephs

Kultur und Entwicklung im Dialog

Entwicklungsprozesse finden im Spannungsfeld zwischen Person und Kultur statt. Warum Kultur eine solch entscheidende Rolle in der Entwicklung spielt, wird zu Beginn des Kapitels ausführlich erörtert. Anschließend werden zwei Richtungen der Entwicklungspsychologie geschildert, die sich auf höchst unterschiedliche Weise mit dem Konzept und der Rolle der Kultur auseinandersetzen.

Für die kulturvergleichende (Entwicklungs-) Psychologie (cross-cultural psychology) ist die Definition von Kultur zumeist sehr schlicht, vor allem aber statisch: Kultur ist gleichzusetzen mit geographischer Zugehörigkeit - wie etwa einem Land oder einer Nation. In dieser "cross-country psychology" wird Kultur als unabhängige Variable betrachtet, deren Einfluss auf beliebige Entwicklungsvariablen statistisch geprüft wird. Notwendigerweise dominieren hier quantitative Methoden die Forschungslandschaft (ohne es allerdings zu müssen). Durch einen solchen Ansatz erfahren wir, ob bestimmte Entwicklungsmerkmale im Durchschnitt zwischen Ländern (oder anderen geographischen Einheiten) variieren oder nicht. Über den spannenden Prozeß, wie und in welcher Form Kultur im Sinne höchst heterogener, impliziter oder expliziter sozialer, materieller und ideeller "Anregungen", "Aufforderungen" und "Befehle" in die sich entwickelnde, aktive Person (vs. Variable!) "eindringt" (oder "abgewiesen" wird), und darüber, was die Person aktiv aus den "Anregungen", "Aufforderungen" und "Befehlen" macht, kann uns ein kulturvergleichender Ansatz keine Auskunft geben. Genau das müssen wir aber wissen, wenn wir etwa verstehen wollen, wie die Psyche eines jungen Selbstmordattentäters oder eines Kindersoldaten, um hier nur zwei drastische Beispiele zu nennen, funktioniert.

In diesem Kapitel wird demzufolge eine Alternative vorgestellt, die hier als kulturbezogene Entwicklungspsychologie (cultural developmental psychology) bezeichnet wird. Der Fokus einer solchen Perspektive ist auf den dynamischen Austauschprozeß zwischen Person und Kultur gerichtet. Wir verlassen damit das Denken in Variablen und lassen uns auf einen fuzzy und messy Prozess ein, den es theoretisch und forschungsmethodisch zu handhaben gilt. Es werden exemplarische Ansätze (u.a. Lev Vygotsky, George Herbert Mead, William Stern, Ernst Boesch, Jerome Bruner) vorgestellt, die auf theoretischer Ebene wichtige Konzepte hervorgebracht haben, die dieses komplexe Wechselspiel abbilden. In einem weiteren Schritt werden die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die empirische Forschung verdeutlicht. Ein wichtiges Fazit dieser Analyse ist, dass eine den entsprechenden Phänomenen gerechtwerdende Methodologie zwangsläufig qualitativ orientiert sein muss und es werden die wichtigsten Implikationen expliziert.

© 2003 - 2005 http://www.qualitative-forschung.de/publikationen/qualitative-entwicklungspsychologie/, Status: 28.3.2005