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Franz Breuer
Konstruktion des Forschungsobjekts durch den methodischen Zugriff
Ich beschäftige mich in diesem Aufsatz mit einigen Grundfragen und Grundüberlegungen, denen sich eine qualitative Entwicklungspsychologie m.E. zu stellen hat. Die Objekte der Entwicklungspsychologie, die ich dabei im Auge habe, sind hauptsächlich Kinder und alte Menschen. Diese zeichnen sich (tendenziell) dadurch aus, dass sie - ähnlich wie Mitglieder fremder Ethnien in der Ethnologie - nicht dieselben soziokulturell-kognitiven Grundmuster teilen wie die Forschungssubjekte/Wissenschaftler/innen.
(1) Was ist das Erkenntnisziel bzw. der Erkenntnisanspruch einer qualitativen Entwicklungspsychologie?
(a) Geht es im Rahmen dieses Ansatzes um (i.w.S.) empathisches Verstehen, um eine Rekonstruktion der Sichtweisen und Sinnwelten der Objekte (den Untersuchten im gesellschaftlichen Diskurs der Forschungssubjekte "eine Stimme geben" o.ä.) - oder geht es (b) um die Aufklärung dessen, "wie etwas funktioniert" (nämlich Entwicklung von ...) - (auch) ganz unabhängig davon, wie sich das in der Wahrnehmung, im Bewußtsein, in der Selbst-/Reflexion der Objekte (gewissermaßen "hinter ihrem Rücken") darstellt, widerspiegelt?
(2) Was ist das basale Gegenstandsmodell der qualitativen Entwicklungspsychologie ("Menschenbild" und Entwicklungsbegriff)?
Die Erkenntnisposition, von der aus Human-/Sozialwissenschaft, so wie sie uns vertraut ist, betrieben wird, ist die des zeitgenössischen, abendländischen, vollsinnigen, gesellschaftlich-sozial-kulturell kompetenten Erwachsenen in den "mittleren Jahren" (der Alterskategorie ca. zwischen achtzehn und fünfundsechzig). Typischer Bezugspunkt und Maßstab der (qualitativen) Entwicklungspsychologie ist dieses Selbstkonzept, das grundgelegt ist in der vorherrschenden gesellschaftlich-sozial-kulturellen Bewertung/Wertigkeit des Menschen (produktiv-leistungsfähige Gesellschaftsmitglieder etc.), in den gesellschaftlichen "Machtverhältnissen" im sehr weiten Sinn.
Diese Sichtweise befördert bestimmte entwicklungspsychologische Grundüberzeugungen und Basisperspektiven - etwa die einer Laufbahn (aufsteigend) vom gesellschaftlich-sozial-kulturell inkompetenten Kind ("Sozialisationsobjekt"), über den kompetenten Erwachsenen (den dominanten gesellschaftlichen Akteur, die "Krone der Schöpfung") und (absteigend) zum durch Abbauprozesse charakterisierten Alten (hin zur Senilität, Demenz etc.; "Pflegeobjekt"). Entwicklungspsychologische (Neu-) Entdeckungen des "kompetenten Säuglings" oder der "Weisheit des Alters" tun sich demgegenüber schwer - bezeugen andererseits die verbreitete modelltheoretische Grundüberzeugung.
Es existiert offensichtlich eine kurvilineare Vorstellung von Entwicklung - eher weniger als mehr diskutiert: Entwicklung ist dabei überwiegend konnotiert mit "Aufstieg", "aufsteigende Entwicklung", "Höherentwicklung". In anderen Kontexten - ich nehme einmal die Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte als Analogie - musste man sich bei der Betrachtung der Wissenschaftsentwicklung mit dem Begriff des "wissenschaftlichen Wandels" anfreunden (statt "wissenschaftlichem Fortschritt"). Kann die Entwicklungspsychologie mit diesem Gedanken etwas anfangen?
Die in der aufgeklärten sozialwissenschaftlichen Psychologie diskutierte und methodologisch und methodisch umgesetze Menschenbild-Konzeption ("epistemologisches Subjektmodell" u.ä.) scheint mir unter diesem Gesichtspunkt ambivalent: Zum einen wird hier dem humanwissenschaftlichen Objekt seine Subjekt-Charakteristik (Fähigkeit zur Selbsteinsicht, Selbstreflexion, Selbstauskunft etc.) zurück verliehen, zum anderen wird der wissenschaftler-zentristische Bezug/Maßstab verschärft ("Man as Scientist").
Die Auflockerung und Relativierung einer solchen (zumeist impliziten, nichtthematisierten) Basisannahme scheint mir eine wichtige Aufgabe (u.a.) einer qualitativen Entwicklungspsychologie zu sein. Die in einigen qualitativ-methodischen Ansätzen herausgehobene methodologische Idee der Fokussierung von Kontrasten/Vergleichen scheint mir geeignet zu sein, diesbezüglich zu einer dezentrierteren Erkenntnisposition zu gelangen. Hier scheinen mir etwa historische Studien ("Geschichte der Kindheit", "Geschichte des Alters" etc.) und kulturvergleichende Studien zu Kindheit und Alter geeignet und notwendig.
Gerade auch in aktuellen Dynamiken unserer abendländischen Kultur (Stichworte: Durchdringung der gesellschaftlich-kulturellen Welt durch elektronische Medien und deren Konsequenzen in der Veränderung der Lebensumwelten, der Denk-, Darstellungs-, Erlebnisweisen) scheinen mir die überkommenen Wertigkeits- und Kompetenz-Präsuppositionen im Verhältnis von "Kindern" und "Erwachsenen" in Frage gestellt (andereseits - bezogen auf die "Alten" - ein bemerkenswertes Phänomen des "Rausschmisses" aus der eigenen Kultur) - und ein für das hier fokussierte Problem relevanter Forschungsbereich.
(3) Welches sind die Möglichkeiten, Grenzen und Probleme qualitativ-methodischer Prozeduren in der Entwicklungspsychologie?
Die im Methodenkanon der qualitativen Sozialforschung privilegierten und am ausführlichsten elaborierten Verfahren setzen an der sprachlich-interaktiven Selbstdarstellungs- und Selbstreflexionsfähigkeit der Objekte an - also an dem, was die Forschungssubjekte (Wissenschaftler) selbst am besten können (was ihnen am leichtesten fällt, was sie methodisch am besten beherrschen ...). In dieses Prokrustesbett werden die Forschungsobjekte gezwungen (wobei sie - typischerweise in unterschiedlichen ausgebufften Interwiew-Methodiken - verschiedene Vorgaben hinsichtlich Fähigkeitsunterstellung bzw. Handlungsrestriktion bekommen). Auch hierbei ist wiederum der Ambivalenz-Aspekt zu berücksichtigen: Diese Methodik hat andererseits auch den Effekt, den Objekten (in einer bestimmten Diskurswelt) "eine Stimme zu verleihen", u.U. auch ihre Selbstaufklärung zu unterstützen.
Jedenfalls ist diesbezüglich kritisch zu fragen, zu diskutieren: Welche Gegenstandsangemessenheit besitzen diese kommunikativ-verbalen Verfahren bei der Untersuchung von Objekten (Kindern, Alte) in entwicklungspsychologischen Zusammenhängen? Diese Frage ist auf dem Hintergrund kultureller Diversität und historisch-kulturellen Wandels zu betrachten.
(4) Welche Probleme ergeben sich im Zusammenhang mit der Interaktionshaftigkeit des entwicklungspsychologischen Untersuchungskontakts?
Qualitativ-entwicklungspsychologische Daten, sofern sie auf dem Prinzip interaktiver Hervorbringungen aus dem Kontakt zwischen Objekt und Forscher beruhen, besitzen nicht nur semantische Aspekte, sind nicht nur als "inhaltliche Selbst-/Darstellungen" zu verstehen, zu deuten. Sie sind eingebettet in und geprägt von einem pragmatischen Kontext, sozialen Schemata, interaktiven Typisierungen, Zuschreibungen etc. Der Interaktion liegen Muster und Vorbilder generationaler Konstellationen zugrunde: Erwachsene interagieren mit Kindern häufig in "sozialisatorischer Absicht", sind Repräsentanten von kulturellen/sozialen Normen, denen die Kinder sich fügen sollen etc. Alte Menschen präsentieren gegenüber Jüngeren (die ihre Kinder sein könnten) ihre Kompetenzen und Leistungen, ihre Vollwertigkeit - oder auch ihre Einschränkungen, Vernachlässigungen o.ä. Forschern "erscheinen" im Kontakt mit alten Menschen u.U. ihre eigenen Eltern oder sie selbst im Zustand der "Hinfälligkeit".
Die Beziehungsqualitäten und die damit verbundenen (Informations-) Zugänge hängen von der Art des Zugangs zu den Objekten, zu ihrer Lebenswelt ab, sie entwickeln/verändern sich im Laufe einer Kontaktgeschichte (eines Gesprächsverlaufs, einer längerfristigen Forschungsinteraktion (Wandel der Forscherrollen: vom Fremdling zum Freund/Vertrauten etc.; vom Hilfslehrer zum Kumpel, mit dem während des Unterrichts "geschwätzt" wird).
(5) Welches sind die kritischen Kompetenzvoraussetzungen einer qualitativ-entwicklungspsychologischen Forscher-Person?
Im Zusammenhang mit der Datencharakteristik und der Interaktionshaftigkeit des Untersuchungskontakts stellt sich das Problem der Interpretationskompetenz/en der Forscher/Wissenschaftler. Dies vor allem in zweierlei Hinsicht:
Über welche theoretischen Deutungskompetenzen verfügt der Forscher, welche Deutungskonzepte stehen ihm - für unterschiedliche Artefakt-Formen und Interaktionskontexte - zur Verfügung? Es gibt ein reichhaltiges hermeneutisches Repertoire für verbale Produktionen, schwieriger wird es schon hinsichtlich des Aspekts der interaktiven Hervorbringung; schwierig ebenfalls bei bildlichen Darstellungen (Kinderzeichnungen z.B.), noch schwieriger bei anderen Artefaktformen wie etwa Gestaltung der Wohnumgebung o.ä.
Über welche interpersonalen Interaktions-, Verstehens- und Deutungskompetenzen verfügt der Wissenschaftler? Kann er mit seinen Untersuchungsobjekten in einen "gegenstandsangemessenen" Austausch kommen? Besitzt er Erfahrung/Kompetenz im Umgang mit Kindern, mit Alten? Besitzt er Sensibilität und Kompetenz für die sozialen Rahmungen und Typisierungen der Interaktionen (soziale Schemata, Konventionen, Erwartungen in Bezug auf Erwachsenen-Kinder-Interaktionen, Interaktionen mit deutlich älteren/alten Menschen? Parallelitäten mit Eltern-/Lehrer-Kind-Interaktionen, Interaktionen mit den eigenen alten Eltern u.ä.) - Hier spielen vielerlei Aspekte, Un-/Fähigkeiten, Ängste etc. eine Rolle, die in der Devereuxschen Perspektive auf humanwissenschaftliches Forschen thematisiert werden.
(6) Welche Probleme ergeben sich in der Darstellung qualitativ-entwicklungspsychologischer Untersuchungen, Ergebnisse?
Hierbei geht es um die "Übersetzung" aus einer soziokulturell-kognitiven Welt in eine andere. Es gibt analoge Probleme wie die der ethnologischen Darstellung fremder Kulturen: Überspringen/Transformation der Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem, unterschiedlichen Darstellungs-Medien, Wiedererkennbarkeit der Objekte in den Texten etc. Es geht offensichtlich immer um die "Übersetzung" der Phänomene in die Diskurswelt der Wissenschaft/lerinnen. Gibt es dazu Alternativen?
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